Wellenschlag: Hintergründe, Recherchen, Analogien...



Worum geht es?

Interessierte finden hier

  • detaillierte Hintergründe zu den Aktivitäten des Vereins und
  • Informationen zu Initiativen, die ähnliche Ziele verfolgen wie wir, also auch zur Diskussion um so genannte "Brennpunktschulen". Deutlich werden soll, wie andernorts - also auch in den anderen Bundesländern - mit den hier relevanten Herausforderungen umgegangen wird.
    Hinweis: Die dokumentierten Positionen geben nicht in jedem Fall auch die Auffassung des Vereins wieder.

XI. 23.10.2018: OECD: Sozial schwache Schüler "doppelt benachteiligt"

OECD-Bildungsdirektor Andreas Schleicher im Dlf-Interview / Kernaussagen:

  • Die Chancengerechtigkeit ist nach wie vor zentrale Herausforderung im deutschen Schulsystem.
  • Kernproblem: Fast die Hälfte sozial benachteiligten 15-Jährigen geht auf Schulen im prekären Umfeld. Sie werden doppelt benachteiligt: "Wenn Sie jetzt einen Schüler nehmen aus einem ungünstigen Familienumfeld, der auf eine sozial besser gestellte Schule geht, der ist um fast drei Jahre weiter in seinem Leistungsniveau als ein Schüler, der eben aus sozial schwierigen Verhältnissen kommt und dann auch noch auf eine benachteiligte Schule geht. Also im Grunde, das schulische Umfeld schlägt sehr viel stärker noch auf die Leistung durch als das familiäre soziale Umfeld."
  • Der Leistungsabstand zwischen den Kindern aus den reichsten und ärmsten Familien beträgt bei uns bis zu 3,5 Jahren.
  • Schulen an prekären Standorten leiden unter der "Konzentration von Benachteiligung": einem oft schlechteren Lernklima, ungünstigen Ressourcen und dem Mangel an qualifiziertem Lehrpersonal.
  • Stundendeputate sind zu hoch, um auch außerhalb des Klassenverbandes effektiv fördern zu können. Es gilt, das Potenzial sozial schwacher Schüler deutlich besser zu mobilisieren: "Und eine frühzeitige Diagnose von Lerndefiziten und auch die gezielte individuelle Förderung, das sind die entscheidenden Voraussetzungen, um bessere Lernergebnisse und mehr Chancengerechtigkeit zu erzielen."
  • Positiv: Bei sozial-emotionalen Aspekten und dem Lehrer-Schüler-Verhältnis schneidet Deutschland gut ab.

X. 04.06.2018: Hamburg und Berlin fordern Bundesprogramm für prekäre Standorte

Pressemitteilung 4. Juni 2018

  • Die Bildungssenatoren von Hamburg und Berlin fordern wirksame Unterstützung für Schulen in sozial benachteiligten Lagen und mit vielen Kindern aus bildungsfernen Familien.
  • Die Unterschiede im Lernstand machen mitunter bis zu drei Lernjahre aus. Lernstandsuntersuchungen der Kultusministerkonferenz zeigen, dass die Bildungserfolge insbesondere von Kindern aus benachteiligten Milieus nach wie vor deutlich hinter den Erwartungen zurückbleiben.
  • Das Ziel: eine gemeinsame Initiative von Bund und Ländern, mit praktischen Verbesserungen und wissenschaftlichen Studien.
  • Hamburgs Senator Ties Rabe: "Mit den herkömmlichen Methoden können wir diese Rückstände kaum aufholen." … Trotz intensiver Förderprogramme und erhöhter Personalausstattung, wie etwa im Projekt "23+ starke Schulen". Ein Drittel der Grundschulklassen hat in Hamburg maximal 19. Kinder.
  • Berlins Senatorin Scheeres: "Die Erfahrungen zeigen, dass an diesen Schulen sehr viel hinsichtlich der Gestaltung des sozialen Miteinanders der verschiedenen Kulturen und Religionen geleistet werden muss. Häufig übernehmen die Schulen zudem Erziehungsaufgaben, die von den Eltern nicht ausreichend geleistet werden können. All dies macht eine zusätzliche Unterstützung dieser Schulen notwendig."

IX. 28.05.2018: Ausweichen ins Konzeptionelle: "Antwort" der Landesregierung

  • Am 28. Mai erhält der Verein - nach zweimaliger Erinnerung - ein Schreiben des Ministerium. Ob die Ministerin unsere seit Veröffentlichung am 13. März (s.u.) breit diskutierten Fragen gelesen hat, geht aus der Antwort nicht hervor. Unüblich für ein Schreiben, das direkt an sie persönlich gerichtet war.
  • Die Verwaltung verweist - ausweichend - auf die Arbeitsgruppe "Bildungsbonus". Hier würden u.a. Fragen der System - und Leitungszeit sowie der Klassenfrequenzen diskutiert. Es werde "generell" überlegt , wie Schulen in sozial schwierigen Lagen unterstützt werden können.
  • Hingewiesen wird auch auf 5 Kernpunkte für die Gewinnung neuer Lehrkräfte, die dem Bildungsausschuss am 24.05. vorgestellt wurden. "Die im Konzept angesprochenen Maßnahmen kommen natürlich auch Schulen in sozial schwierigen Lagen zu Gute". 
  • Eine detaillierte Beantwortung unserer Fragen könne aber nicht erfolgen, ohne dass der Arbeit der AG vorgegriffen würde.

Kommentar des Vereins:

Keine Antwort ist auch eine Antwort.
Die Landesregierung weicht
aus ins "Konzeptionelle". Auch dort, wo es ein Leichtes wäre, unsere Fragen zu beantworten. Dies gilt vor allem für Aspekte, die mit der Arbeit der AG "Bildungsbonus" rein gar nichts zu tun haben. Im Beispiel:
  • Verfügt die Landesregierung über empirische Belege für die Arbeitsbelastung der Lehrkräfte, auf die sie ihre Entscheidungen und die derzeitige Praxis stützt?
    Keine Antwort. 
  • Ist eine solche - laut Bundesverfassungsgericht zwingend erforderliche - Untersuchung geplant?
    Keine Antwort.
  • Hält die Landesregierung - und nicht die Arbeitsgruppe, die das ganz sicher nicht zu bewerten hat  - die derzeit gewährte Leitungszeit gerade bei Schulen am Wind für auskömmlich und rechtlich zulässig?
    Keine Antwort.
  • Gibt es Überlastanzeigen von Lehrkräften oder Schulleitungen? Wenn ja: Welche Entlastung wurde konkret beantragt? Welche wurde gewährt?
    Keine Antwort.
Leider sind wir als Verein nicht befugt, Anfragen an die Landesregierung zu stellen, die diese dann auch beantworten muss. Wir sind lediglich Bürger dieses Landes.

IX. 13.03.2018: Offene Fragen an die Landesregierung

Im Interview vom 7. März 2018 (vgl. Seite „Aktuelles“) präzisiert Bildungsministerin Prien die konzeptionellen

Schwerpunkten des „Bildungsbonus“:

  • Fokus auf Grundschulen und den ländlichen Raum statt auf städtische Sek-I-Gemeinschaftsschulen
  • „weiche“ Unterstützung durch Fortbildung statt mehr System- und Leitungszeit
  • Ablehnung kleinerer Klassenfrequenzen.

Dies steht in deutlichem Kontrast zu den von uns identifizierten Erfolgsbedingungen. „Schulen am Wind“ haben der Landesregierung deshalb Fragen zu 4 zentralen „Baustellen" gestellt, die hier fokussiert dokumentiert werden. Wir sind gespannt auf etwaige Antworten!

 

I. Rekrutierung geeigneter neuer Lehrkräfte

Berlin plant aktuell alternativ zu einem „Brennpunktzuschlag“ von bis zu 300 € monatlich - eine Reduktion der Pflichtstunden. Das Ziel: Lehrkräfte für prekäre Standorte gewinnen! Denn: 70 % der Neueinstellungen sind inzwischen gering qualifizierte Quereinsteiger. In Schleswig-Holstein werden bereits jetzt bis zu 20 % des (Vertretungs-)Unterrichts durch nicht ausgebildete Kräfte erteilt.

Unsere Fragen:

  • Welche Anreize plant die Landesregierung, um qualifizierte Lehrkräfte für Brennpunktschulen zu gewinnen?
  • Mit welchen Ressourcen sollen künftig neue Vertretungskräfte begleitet werden?

II. System- und Leitungszeit

Studien aus Niedersachsen und Hessen belegen: Die Arbeitsbelastung von Lehrkräften und Schulleiter/innen liegt bis zu 25 - 50 % über der gesetzlich zulässigen Arbeitszeit! In Hamburg erteilen Schulleiter/innen an Problemstandorten i.d.R. keinen eigenen Unterricht. In Schleswig-Holstein unterrichten sie bis zu fast einer halben Planstelle.

Das Oberverwaltungsgericht Niedersachsen hat bereits am 9. Juni 2015 unter Berufung auf das Bundesverfassungsgericht deutlich gemacht: Entscheidungen zur Arbeitszeit von Lehrkräften und Schulleitungen müssen - auf Basis der Fürsorgepflicht! - durch empirische Untersuchung der tatsächlichen Arbeitsbelastung abgesichert werden.

Unsere Fragen:

  • Geht die Landesregierung davon aus, dass die Leitungszeit in Schleswig-Holstein üppiger ausfällt als in Niedersachsen, Hessen oder Hamburg, die Überlast von 25 – 50% bei uns also nicht zutrifft?
  • Gilt dies auch für „Schulen am Wind“?
  • Gibt es empirische Belege für die konkrete Arbeitsbelastung der Lehrkräfte und Schulleitungen in Schleswig-Holstein? Wenn nicht: Sind solche Erhebungen geplant?

III. Überlastanzeigen & Klagen

Aus Niedersachsen und Hessen ist bekannt, dass zuletzt diverse Überlastanzeigen und Klagen formuliert wurden: Die Verletzung der Fürsorgepflicht gefährde auch die Gesundheit.

Unsere Fragen:

  • Gibt es in Schleswig-Holstein ähnliche Überlastanzeigen, Anträge auf Entlastung oder Klagen?
  • Wenn ja: Was wurde konkret beantragt? Welche Entlastung wurde gewährt?

 

IV. Konzept Bildungsbonus

Die Diskussion in Berlin, Hessen und Niedersachsen konzentriert sich auf System- und Leitungszeit. In Hamburg haben Lerngruppen an Brennpunktschulen eine Klassenfrequenz von 18 bis 20 Kindern. Diese Befunde decken sich mit den von uns identifizierten Erfolgsbedingungen

Unsere Fragen:

  • Spielen die Aspekte System- und Leitungszeit auch im derzeit erarbeiteten Konzept zum „Bildungsbonus“ eine Rolle?
  • Plant die Landesregierung in diesem Zusammenhang eine Reduktion der Klassenfrequenzen für „Schulen am Wind“.

VIII. 14.12.2017: ZEIT: Mehr Ungleichheit, bitte!

Die ZEIT vom 14.12.2017 berichtet (S. 39f.): Gerechtigkeit leidet, wenn Gehbehinderte gegen trainierte Athleten antreten müssen: "Genau so funktioniert in Deutschland Schule!"
Kernthesen:
  • In vielen Städten teilt ein "Sozialäquator" prekäre von bürgerlichen Standorten: Herkunft entscheidet über Zukunftschancen.
  • Hartz-IV-Kinder neben Hartz-IV-Kindern: Die soziale Kluft zwischen den Schulen wächst, die Schulmilieus werden "immer homogener". Am Ende werden alle noch schwächer.
  •  An prekären Standorten ist Unterricht nur eine Aufgabe unter vielen: "Wer Probleme hat, bekommt zusätzliche Aufgaben obendrauf."
  • Individuelle Förderung ist konzeptionell aufwändig und ressourcenintensiv:  Schüler*innen an (bildungs-)armen Standorten brauchen "das Doppelte oder Dreifache an Aufmerksamkeit und Unterstützung".
  • Förderung im Gießkannen-Modus gefährdet Bildungsgerechtigkeit. Bisherige Programme zur indexbasierten Ressourcensteuerung sind "weitgehend Symbolpolitik" (Horst Weißhaupt), ausbleibende Chancengleichheit ist "eine Schande" (Wilfried Bos). Zusätzliche Stellen decken bei weitem nicht den Bedarf.
  • "Trotz anderslautender Rhetorik werden Schulen mit benachteiligten Schülern im Stich gelassen." (Horst Weißhaupt)
  • Zentrale Frage angesichts mangelnder Solidarität: "Warum macht man es denen nicht leichter?"
  • Wie?: Ungleiches ungleich behandeln, Unterprivilegierte privilegieren! Fair wäre ein Ausgleich der Defizite, "mit mehr Personal, in kleineren Gruppen, durch längeres Lernen". Ohne diese Maßnahmen "stoßen auch die besten Lehrer an ihre Grenzen":
  • Prekäre Standorte haben erhebliche Probleme, neue Lehrkräfte zu rekrutieren. Dagegen: "Die am besten bezahlten [Gymnasial-]Pädagogen unterrichten [...] die einfachsten Schüler." Mit weniger Pflichtstunden.
  • Hamburg gilt als Positiv-Beispiel für wirksame Schritte Richtung Bildungsgerechtigkeit: streng bedarfsorientierte Ressourcensteuerung, mehr Personal, geringere Frequenzen. Betroffene Schulleitungen müssen "nicht einmal einen Antrag stellen". Die Erfolge im Bildungsranking sind nachhaltig.

VII. 21.02.2018: Berlin: "Systemzeit" für Lehrkräfte an Brennpunktschulen

Bericht des tagesspiegel, 21.02.2018

  • Anders als zunächst geplant, investiert Berlin 8,6 Mio. € in die Reduktion der Pflichtstunden für Lehrkräfte (Systemzeit) von i.d.R zwei Stunden. Zunächst war ein Gehaltszuschuss von bis zu 300 € angedacht.
  • Die Stundenermäßigung soll die Wertschätzung für engagierte Lehrkräfte an Problemstandorten zum Ausdruck bringen, die sich besonders für die individuelle Förderung engagieren.
  • Erreicht werden soll ferner, dass sich mehr gut ausgebildete Fachkräfte für Brennpunktschulen gewinnen lassen - und dort auch bleiben!
  • Das Problem: Jede reduzierte Stunde muss durch neue Ersatzlehrkräften aufgefangen werden. Bereits jetzt liegt der Anteil weniger qualifizierter Seiteneinsteiger an Brennpunktschulen bei bis zu 70% der Neueinstellungen. Trotzdem können nicht alle freien Stellen besetzt werden.

Kommentar des Vereins:

  • Mit der Forderung von "Systemzeit" (vgl . Nr. 4 der Erfolgsbedingungen) setzen wir primär auf die Reduzierung der individuellen Pflichtstundenzahl und damit eine wirksame Entlastung überproportional belasteter Lehrkräfte.
  • Mit einem Gehaltsvorschuss würde zumindest ein Anreiz zur Gewinnung hoch leistungsfähiger Lehrkräfte geschaffen, vgl. Nr. 5 unter Erfolgsbedingungen.
  • Beide auch von uns favorisierten Aspekte spielen in der aktuellen bildungspolitischen Diskussion in Schleswig-Holstein - anders als in Berlin - bisher keine Rolle.

VI. 02.12.2017: Bildungsexperten: Bildungssystem produziert zunehmend Verlierer

186 Bildungsexperten - darunter äußerst renommierte (Prof. Klaus Hurrelmann, Prof. Hans Brügelmann, Prof. Hilbert Meyer, Prof. Herbert Altrichter, Prof. Johannes Bastian, Prof. Klaus Klemm, Prof. Hans-Günther Rolff, Prof. Klaus-Jürgen Tillmann, Prof. Rolf Wernstedt ...) - monieren in einem öffentlichen Aufruf die persistierende Ungerechtigkeit des Bildungssystems.

 

Kernthesen

  • Das Auseinanderdriften der Gesellschaft und die drohende Zwei-Klassen-Gesellschaft wirken sich massiv auf die Schulen, die Kinder, die Bildung aus.
  • Bildungsarmut nimmt dramatisch zu.
  • "Das Zurücklassen vieler Kinder und Jugendlicher gefährdet unsere Demokratie."
  • Das Ziel Bildungsgerechtigkeit rückt in immer weitere Ferne.
  • Kinder aus armen oder prekären Verhältnissen bleiben deutlich zurück - trotz gleicher Begabung.
  •  Beim Übergang in die Sekundarstufe I erleben sich viele dieser Kinder zum ersten Mal als Bildungsverlierer.
  • Verhaltensauffälligkeiten steigen: "Diese Kinder bringen Schülerinnen und Schüler, Lehrkräfte und Kollegien an ihre Grenzen."
  • Das Zwei-Säulen-Modell von Gymnasium und Gemeinschafts- resp. Gesamtschule droht zum Zwei-Klassen-Modell zu degenerieren. Von "Gleichwertigkeit" kann kaum mehr die Rede sein.
  • Schulen der 2. Säule (wie Schulen am Wind) können ihren Auftrag nur erfüllen, wenn sie nicht zu Restschulen werden.
  • Schulen mit schwieriger Schülerklientel sollten gestärkt werden, indem sie mehr Ressourcen erhalten.
  • Die Durchsetzung des durch die Verfassung definierten Bildungsanspruch ist ohne weit reichende Reformen und Unterstützung nicht mehr gewährleistet.

 

Perspektiven

  • Initiiert wurde eine Online Petition.
  • Gefordert werden ein unabhängiger Bildungsrat, kontrollierte Mindeststandards in Schulen, eine verbesserte Aus- und Weiterbildung der Lehrer sowie die Aufhebung des Kooperationsverbots.
  • "Das Entstehen von 'Ghettos' und Parallelgesellschaften muss durch Stadtteilentwicklung und Steuerung der Schülerströme verhindert werden."

V. 17.06.2016: "Alarmbrief" der Hamburger Stadtteilschulen

51 der 59 Schulleiter/innen der Hamburger Stadtteilschulen formulieren im Juni 2016 ein heftig diskutiertes Positionspapier (dokumentiert von der GEW HH):

 

Kernthesen:

  • Zunehmende Tendenz zur sozialen Ausgrenzung der (sozial) schwachen Schüler/innen, zur "Segregation".
  • 2-Säuen-Modell von Stadtteilschule und Gymnasium ist gescheitert.
  • Nur noch 42 % der Schüler/innen besuchen die Stadtteilschulen.
  • Integration und Migrationsbewältigung wird vorwiegend den Stadtteilschulen aufgebürdet.
  • Schülerinnen mit besonderem Förderbedarf besuchen zu 60 % Stadtteilschulen, die Gymnasien nur zu 2,3 %.
  • Stadtteilschulen zeigen täglich, dass gemeinsames Lernen leistungsorientiert und talentfördernd gelingt.
  • Eine soziale, demokratische, gerechte und chancenreiche Gesellschaft fordert eine Schule für alle.
  • Forderung: Ermöglichung schulspezifischer Profile und Anpassung der Ressourcen.

Berichterstattung:

Reaktion der Schulbehörde

Karin Prien: Hamburg braucht starke Stadtteilschulen und starke Gymnasien
Hamburger Bürgerschaft am 29.06.2016 / Karin Prien war 2016 schulpolitische Sprecherin der CDU HH:

  • Brandbrief der Schulleiter ist ein "öffentliches Misstrauensvotum" gegen Schulsenator Rabe.
  • Aufgrund der defizitären Kommunikation des Schulsenators kann das Führungspersonal seine Kritik offensichtlich nicht intern äußern.
  • Zu konstatieren ist eine Vertrauenskrise mit Blick auf das Schulsystem insgesamt: Das 2-Säulen-Modell droht zu scheitern.
  • Ehemalige Haupt- und Realschulen hinken den ehemaligen Gesamtschulen in der Schulentwicklung "meilenwert" hinterher und werden von den Eltern deshalb nicht angewählt.

Aktuelle Entwicklung

 


IV. 2017: Maximalquote von Migranten in den Lerngruppen?

Berichterstattung:

  • SHZ 25.08.2017: SH-Bildungsministerin Karin Prien spricht sich dafür aus, nicht mehr als 30 % Kinder mit schwachen Deutschkenntnissen in den Lerngruppen anzustreben.
  • Focus 23.04.2017:  Bundesbildungsministerin Johanna Wanka appelliert an die Bundesländer, für eine erfolgreiche Integration den Anteil von Kinder mit Migrationshintergrund zu begrenzen. „Es sollte keine Klassen geben, in denen der hohe Migrantenanteil dazu führt, dass die Schüler untereinander vorwiegend in ihrer Muttersprache sprechen und damit eine Integration erschwert wird.“
  • Spiegel 24.04.2017: Der Chef des Philologenverbandes Heinz-Peter Meidinger hält einen Migrationsanteil von mehr als 35 % für problematisch. Schon 2015 hatte Meidinger ab 50 % einen dramatischen Leistungsabfall prognostiziert, vgl. WELT vom 15.10.2015.

 

Kommentar des Vereins:

  • Eine Begrenzung der Migrationsquote wäre nur realisierbar wenn
    a) das Elternrecht auf freie Schulwahl eingeschränkt würde - derzeit bildungspolitisch kaum durchsetzbar - und
    b) die Kinder - derzeit kaum zumutbar - an entferntere Standorte verteilt würden.
  • Schulen am Wind befinden sich in Quartieren, an den der Migrationsanteil der Bevölkerung zumeist weit über 50 % liegt. Würden die o.g. Quoren greifen, müssten diese Standorte wohl geschlossen werden: Die nennenswerte "Zuwanderung" von Kindern aus bildungsaffinen Elternhäusern ist schlicht illusorisch.
  • Für die Bildungschancen ist weniger der Migrationshintergrund relevant - bedeutsamer sind individuelle Sprachkompetenz und soziale Herkunft. Deshalb:
  • Aus Sicht des Vereins ist entscheidend, Schulen am Wind zeitnah in die Lage zu versetzen, die (deutsch-)sprachlichen, sozialen und familiären Defizite wirksam zu kompensieren (vgl. Erfolgsbedingungen) - an dem Ort, an dem sie ihre systemrelevanten Aufgaben erfüllen!

III. 2016: Sachverständigenrat: Ungleiches ungleich behandeln!

In seinem Gutachten mit dem programmatischen Titel "Ungleiches ungleich behandeln!" spricht sich der Sachverständigenrat deutscher Stiftungen für Integration und Migration vehement für eine streng bedarfsorientierte Ressourcenzuweisung aus.

 

Kernthesen:

  • Schulen mit einem hohen Migrationsanteil und in sozial benachteiligten Stadtteilen brauchen zwingend zusätzliche Lehrkräfte zur Kompensation.
  • Der Mehrbedarf für eine benachteiligte Schülerschaft wird im Rahmen der Schulfinanzierung und Ressourcenzuweisung bislang kaum ausgeglichen.
  • Auch Schleswig-Holstein gehört zu den Ländern, in denen eine Zuweisung zusätzlicher Förderressourcen nicht an klar definierte sozioökonomische Indikatoren gebunden ist.
  • Besonders in Hamburg orientiert sich die Zuweisung hingegen bereits seit 2005 vorrangig an Sozialindizes. Schulstandorte werden belastungsabhängig in 6 KESS-Faktoren eingeteilt: KESS 1 = stark belastete Lage, KESS 6 = bevorzugte soziale Lage. Zusätzliche Ressourcen dienen u.a. der Personalgrundausstattung, der Reduktion der Klassenfrequenzen sowie der Sprachförderung. Details vgl. hier.
  • Hinweis: Bereits 2007 haben sich die Bundesländer selbst dazu verpflichtet, statt einer Förderung mit der "Gießkanne" ungleiche pädagogische Ausgangslagen ungleich zu behandeln.

     


II. 2014 / 2017: Arbeitsbelastung der Schulleitungen verfassungs- und gesetzeswidrig?

In zwei Gutachten (2014 und 2017) führt der Göttinger Staatsrechtler Alexander Thiele für Schulleitungen in Niedersachsen und Hessen aus, dass die reale Arbeitszeit der Schulleiter mit verfassungs- und einfachrechtlichen Grundsätzen offensichtlich nicht vereinbar ist, vgl. OVG Lüneburg 14.07.2015.

 

Argumentation des Gutachtens in Grundzügen (dokumentiert von der Niedersächsischen Direktorenvereinigung):

  • Die Arbeitszeitbelastung der Schulleiter/innen hat sich in den letzten Jahren - auch durch das Forcieren der eigenverantwortlichen Schule - exorbitant erhöht.
  • Eine adäquate Kompensation im Bereich der Leitungszeit ist nicht zu verzeichnen.
  • Die reale Arbeitszeit der Schulleiterinnen überschreitet - jenseits jedes tolerablen Bereichs - das gesetzlich vorgesehen Maß regelmäßig um 25-50 %.
  • Die bestehende Ausgestaltung ist - schon aus Fürsorgepflicht - umfassend und unverzüglich zu beseitigen, ansonsten kämen ggf. Amtshaftungsansprüche zum tragen.

Vergleich mit Schleswig-Holstein

  • Die Leitungszeit in Schleswig-Holstein fällt in keinem Fall höher aus als in Niedersachsen oder Hessen, der Aufgabenpool hingegen ist vergleichbar umfangreich. Gleiches gilt für Hamburg, wo Schulleiter/innen an Problemstandorten i.d.R. keinen eigenen Unterricht erteilen.
  • Dies gilt insbesondere mit Blick auf die Schulleitungen an prekären Standorten, bei denen sich nahezu sämtliche Prozesse ungleich aufwändiger gestalten als an weniger herausfordernden Standorten, vgl. Punkt 6 (erhöhtes Zeitbudget) unter "Erfolgsbedingungen".
  • Wichtig: Analoges ließe sich zur überproportionalen Belastung der Lehrkräfte an prekären Standorten ausführen, vgl. Punkt 4 ("Systemzeit") der "Erfolgsbedingungen". Untersuchungen liegen hierzu leider (noch) nicht vor.

Ic. 2018: Mecklenburg-Vorpommern: Schulleitungen "fahren auf Verschleiß"

Bericht der svz vom 24. April 2018 unter dem Titel: "Wir fahren auf Verschleiß"

  • Beklagt wird die wachsende Aufgabenfülle bei zu wenig Leitungszeit und zu geringer finanzieller Wertschätzung
  • immer mehr bürokratische und statistische Aufgaben - bei nur ca. 200 € mehr Gehalt
  • Unterrichtsverpflichtung der Schulleiter/innen zurzeit unverändert bei 9 bis 15 Std.
  • Ziel: Halbierung auf 3 bis 7 Std.
  • bisherige Rückmeldungen des Bildungsministeriums bisher "eher entgeisternd".

 


Ib. 2017/18: Niedersachsen: Lehrkräfte und Schulleitungen wollen Dienstherrn verklagen

I. Schulleitungen an Grundschulen

Bericht NDR, 31.01.2018 / Bericht Spiegel online, 22.09.2017 / Bericht NDR (Grundschulen), 11.09.2017
  • Zwei Grundschulleiter/innen reichen Klage beim Verwaltungsgericht Hannover ein, weil sie mehr als 55  zw. 60 Std. pro Woche arbeiten; der Dienstherr verletzte die Fürsorgepflicht.
  • Laut Studie der Uni Göttingen unterrichten Lehrkräfte nicht - wie nach Arbeitszeitverordnung vorgesehen - 40, sondern im Schnitt 53 Std. pro Woche, mitunter auch 70.
  • Aufgabenzuwachs insbesondere bei Schulleitungen durch Aufgaben wie Inklusion, Ganztag, Sprachförderung, Flüchtlingskinder, Koordination multiprofessioneller Teams - ohne Kompensation.
  • Appell an die Fürsorgepflicht des Dienstherrn, die dadurch verletzt würde. Gesundheitliche Schäden befürchtet.
  • GEW unterstützt weitere geplante Klagen von ca. 10 Schulleitern. 
  • Kultusministerium verweist auf Arbeitszeitkommission.

II. Zwischenbericht der Arbeitszeitkommission
Bericht Hannoversche Allgemeine, 16.11.2017

  • Schulleitungen, Teilzeitlehrkräfte und Brennpunktschulen besonders belastet.
  • Mehr Ermäßigungsstunden gefordert. Entlastungsmodi müssen noch erarbeitet werden.

 

III. Gymnasialbereich
Bericht NDR (Gym), 06.12.2017 / Göttinger Arbeitszeitstudie 2016

  • Philologenverband kündigt Klagen an wegen ausbleibender Entlastung bei Übernahme von Sonderaufgaben durch Lehrkräfte.
  • Begründung: Verstoß gegen Fürsorgepflicht und Gleichheitssatz.

Ia. 2016/2017: Hessen: Überlast bei Lehrkräften, Schulleitungen, Schulaufsicht?!

Besonders intensiv - und auf allen Ebenen - wird in Hessen dies Situation der schulisch Beschäftigten diskutiert:

 

I. Überlastung der Lehrkräfte
Bericht in der Welt vom 21.08.2016:

  • Insgesamt 53 Lehrkräfte haben für das Kultusministerium eine Überlastungsanzeige formuliert.
  • Der Grund: Das gestiegene Arbeitspensum, die Mehrarbeit durch Inklusion sowie erschwerte Arbeitsbedingungen im sozial problematischen Umfeld lassen die Förderung der Schüler/innen zunehmend schwieriger werden.

II. Überlastung von Schulleitung und Schulaufsicht
Bericht der FAZ vom 22.03.2017 / Bericht der Frankfurter Rundschau vom 14.11.2017:

  • In seltener Einigkeit haben der Interessenverband der Schulleiter (IHS), die Vereinigung der Schulaufsichtsbeamten (VSH), die Direktoren der Beruflichen Schulen (AGD) und die GEW eine gemeinsame "Frankfurter Erklärung" (21.03.2017) veröffentlicht.
  • Zentrale Aussage: "Die veränderten und ausgeweiteten Aufgaben von Schulleitungen und Schulaufsicht sind unter den gegebenen Arbeits- und Ressourcenbedingungen nicht mehr verantwortlich zu leisten."
  • Für Kernaufgaben wie Unterrichtsentwicklung, Integration und Inklusion, Personalentwicklung, Personalmanagement, Qualitätsentwicklung, Beschwerde- und Konfliktmanagement seien im momentanen System "auch nicht andeutungsweise" hinreichend Ressourcen hinterlegt ist.
  • Gefordert werden eine präzise Bestandsaufnahme der Aufgaben und zusätzliche Ressourcen: "Der Bildungs- und Erziehungsauftrag hat Verfassungsrang. Demzufolge darf jede für notwendig erachtete Weiterentwicklung nicht unter dem Blickwinkel der Ressourceneinsparung gesehen werden."