Was sind „Schulen am Wind“?

  • Wind von vorn – und dennoch vorankommen?!
    Segler wissen, jetzt wird ein Kurs „am Wind“ gesegelt.
  • In diesem Sinne sprechen wir - im übertragenen Sinne - von „Schulen am Wind“, wenn wir Schulen an schwierigen, an prekären Standorten meinen.

Wind von vorn...!

  • Schulen an prekären Standorten stehen vor Herausforderungen, die andernorts weit weniger heftig ausgeprägt sind.
  • In pädagogischer Sicht ist gemeint, dass es an einzelnen Standorten - systembedingt - zu einer Konzentration von „Problemklientel“ kommt: Es sammeln sich hier Schülerinnen und Schüler mit einem besonderen Bedarf an Unterstützung und Förderung
  • In Schleswig-Holstein sind Schulen am Wind insbesondere in der Landeshauptstadt Kiel sowie in den Städten Neumünster, Flensburg und Lübeck zu finden.
  • Deren Schülerschaft zeichnet sich – in jeweils unterschiedlicher Ausprägung - durch folgende Merkmale aus:
    • Migrationshintergrund von bis zu 60 %
    • staatliche Unterstützungsleistungen bei bis zu 70 % der Schülerinnen und Schüler
    • viele Elternhäuser, in denen die Bildungssprache Deutsch kaum bis gar nicht gesprochen wird
    • flächendeckend kaum vorhandene häusliche Unterstützung bei Bildungsprozessen
    • bis zu 20 % der Schülerschaft mit sonderpädagogischem Förderbedarf
    • forcierte Aufnahme von DaZ-Kindern mit nur rudimentären Deutsch-Kenntnissen
    • zunehmende Zahl von Kindern mit erheblichen Verhaltensauffälligkeiten an der Grenze der Beschulbarkeit
    • in jeder Lerngruppe 3-4 potenzielle „Systemsprenger“
    • überproportional hohe Absentismusquoten.

Wie entstehen „Schulen am Wind"?

  • Schulen am Wind verdanken ihre Entstehung einem Phänomen, das gemeinhin unter dem Stichwort Segregation beschrieben wird: die soziale „Entmischung“ der Schülerschaft.
  • Ungebremst und ungesteuert führt dieser Prozess immer wieder erneut zu prekären Standorten. Aufgezeigt am Beispiel der Schulentwicklung in Schleswig-Holstein:
    • Ab 2007 wurden im nördlichsten Bundesland Regional- und Gemeinschaftsschulen etabliert.
    • Die Konzentration problematischer Aspekte an den ehemaligen Hauptschulen sollte durchbrochen werden. Die Möglichkeit, „schwierige“ Schüler/innen in Richtung Hauptschule „abzuschulen“, wurde weitgehend reduziert.
    • Ziel war ein möglichst anregungsreiches, heterogenes pädagogisches Setting an den nun stärker differenzierten Schularten.
    • Unterschätzt wurde allerdings, dass jede Auflösung einer prekären Schulart resp. Schule die Entwicklung neu in Gang setzt: Es beginnt damit, dass die nun „freigesetzten“ Schüler/innen an benachbarten Standorten in großer Zahl aufgenommen werden müssen.
    • Bildungsaffine Elternhäuser nutzen offensiv die Schulwahlfreiheit, um ihre Kinder an Schulen außerhalb der sich neu herauskristallisierenden „Problemschulen“ und -quartiere anzumelden. Vor Ort verbleiben mehrheitlich Kinder aus bildungsfernen Elternhäusern, eine „Zuwanderung“ leistungsorientierter Schülerinnen und Schüler ist hingegen kaum zu verzeichnen.
    • Verschärft wird diese Situation dadurch, dass prekäre Quartiere für den relativ größten Anteil an sozial Schwachen, Migranten und Flüchtlingen genutzt werden. Die wohnortnahe Aufnahme weiterer Migranten, Flüchtlinge und DaZ-Kinder verschärft so die Polarisierung des Bildungsniveaus zwischen den Standorten.

Wozu diese Initiative?

  • Schulen am Wind leisten eine systemrelevante, unverzichtbare pädagogische Arbeit – allerdings mit einer vergleichsweise viel zu schwachen „Lobby“. Aktuell ist – vor dem Hintergrund der Flüchtlings- und der Integrationsdebatte - eine gesteigerte Aufmerksamkeit für die prekären Standorte zu verzeichnen.
  • Die Initiatoren bekennen sich – auf der Basis vorliegender Erfahrungen – dazu, dass es gelingen kann, auch „Schulen am Wind“ pädagogisch erfolgreich zu führen.
  • Bedingung ist allerdings, dass sie über eine besondere pädagogische Expertise insbesondere bei der individuellen Förderung verfügen - und diese dauerhaft wirksam erhalten!
  • Sofern Schulen mit Leistungsvergleichen und -erwartungen konfrontiert werden, so können diese nur dann fair sein, wenn „Schulen am Wind“ so ausgestattet und aufgestellt sind, dass sie in die Lage versetzt werden, standortbedingte Defizite wirksam zu kompensieren.
  • Dieses zu ermöglichen, ist Ziel der Initiative "Schulen am Wind": Nicht lamentieren, sondern wirksam fördern.

„Ungleiches ungleich behandeln!“

  • Schulen am Wind werden nur Bestand haben und pädagogisch erfolgreich arbeiten, wenn sie eine erfolgreiche, systembedingte Defizite kompensierende Förderqualität aufweisen
  • Erfolgsbedingend sind hier vor allem
    • die Bildung verantwortbarer Lerngruppen, sowohl hinsichtlich der intendierten Lernentwicklung als auch bezüglich sozial- und integrationspädagogischer Aspekte
    • eine streng bedarfsorientierte, von Sozialindices abhängige Mittelallokation und Ressourcenzuweisung.
  • Erst im Jan. 2016 veröffentlichte der Sachverständigenrat für Integration und Migration eine Analyse zur Lehrerzuweisung in den 16 Bundesländern. Dringende Empfehlung: eine streng datenbasierte und bedarfsorientierte Ressourcensteuerung. Vielsagender Titel: „Ungleiches ungleich behandeln!“ (vgl. III unter "Wellenschlag").
  • Konsequent ist dies bisher nur in Hamburg realisiert.

Erfolgsbedingungen

  1. Lerngruppengröße von maximal 20 Schüler/innen
  2. Schulsozialarbeit mit einer Kapazität von 20 %
  3. Verteilung der Teilnehmer aus den DaZ-Basiskursen auf sämtliche Sek-I-Standorte
  4. „Systemzeit“ für Lehrkräfte mit überproportional hohen Beratungs- und Betreuungsaufgaben
  5. Anreize für hoch leistungsfähige Lehrkräfte
  6. erhöhtes Zeitbudget und Leitungszeit für die Schulleitungen
  7. offensiver Umgang mit personellen Veränderungen
  8. Stärkung und Ausbau der Ganztagsangebote
  9. einstufige Schulaufsicht.